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Porträt: Stef Wertheimer
Der Pragmatiker



Stef Wertheimer ist kein Utopist, sondern ein pragmatischer Macher, der an die positive Kraft gemeinsamer Arbeit als Grundlage für Verständigung zwischen den Menschen glaubt. Für seine friedensstiftenden Verdienste erhielt er vor kurzem die Buber-Rosenzweig-Medaille. Igal Avidan stellt ihn vor.

| Bild: Stef Wertheimer bei der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille; Foto: dpa
Bild vergrössern Stef Wertheimer mit der Medaille, die bereits Lea Rabin, Daniel Barenboim und Joschka Fischer erhielten. Er falle ein bisschen raus aus der Reihe der Preisträger, so Wertheimer. "Ich bin mehr Israeli, weniger Pazifist."
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Stef Wertheimer hat drei Leben. Sein Erstes begann 1926 im badischen Kippenheim. Die bürgerliche Familie betrieb ein Gasthaus, eine Metzgerei und eine Mühle. All das half ihnen nicht, nachdem Adolf Hitler 1933 an die Macht kam. 1937 landete die Familie als Flüchtlinge in Tel-Aviv, wo Wertheimer ein neues Leben begann.

Bereits als Kind entwarf er industrielle Visionen. In einem Festbuch, das ihm seine Freunde zum 80sten Geburtstag schenkten, findet man eine Zeichnung des 12-jährigen Stef: das Modell eines Industriezentrums.

Nach nur wenigen Jahren wurde aus dem Flüchtlingskind ein Soldat in der britischen Armee, der im zweiten Weltkrieg Schusswaffen entwickelte. Diesen Erfindungsgeist setzte er später im jüdischen Untergrund gegen die Briten ein.

Nach der Staatsgründung Israels leitete er eine Abteilung beim staatlichen Rüstungsunternehmen Rafael. 1952 wurde er gefeuert, weil er keine abgeschlossene Ausbildung hatte. Um seine Frau und zwei kleinen Kinder zu ernähren, richtete er in seiner Holzbaracke eine kleine Werkstatt für die Herstellung von Metallwerkzeugen ein.

"Tagsüber arbeiten, abends beten"

Mit dem Motto "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist" – ein Zitat des Staatsgründers David Ben Gurion – feierte der Koordinierungsrat der christlich-jüdischen Gesellschaften jüngst die diesjährige "Woche der Brüderlichkeit", deren Höhepunkt die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an Wertheimer war. Der 81-jährige Unternehmer glaubt jedoch nicht an Wunder. Er glaubt an die positive Wirkung der Arbeit, welche die Menschen zusammenbringt.

Auf der Bühne bei der Preisverleihung wurde Wertheimer vom Moderator gebeten, etwas zum Thema Religion zu sagen. Wertheimer antwortete lapidar, aber vielsagend: "Ich sage immer, um ganz ehrlich zu sein: Tagsüber sollen sie arbeiten, abends können sie beten."

Wertheimer, der Unternehmer

In seinem zweiten Leben gründete und leitete Wertheimer zwei erfolgreiche Unternehmen, den Weltkonzern für Metallverarbeitung Iscar und Lehavim, die in Kooperation mit einem US-Konzern Rotorblätter und Turbinenschaufeln für Düsenflugzeuge und Turbinen produzierte.

In seinem dritten Lebensabschnitt versucht Wertheimer, seine Vision zu realisieren, den Frieden in Nahost durch wirtschaftlichen Aufschwung auf eine stabile Grundlage zu stellen. Daher ging er in die Politik und schloss sich zunächst der neuen liberalen Zentrumspartei "Dash" an, mit der er 1977 ins israelische Parlament gewählt wurde.

| Bild: Hebron, Palästinenser und Israelis entfernen gemeinsam Blockaden; Foto: dpa
Bild vergrössern Palästinenser und Israelis entfernen in Hebron gemeinsam Blockaden: Wenn die Völker im Nahen Osten - insbesondere mithilfe Deutschlands - zusammen wirtschaftlich erfolgreich sind, kann sich ein positives Nebeneinander entwickeln, so Stef Wertheimer
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Genervt und enttäuscht von den politischen Sachzwängen und Einschränkungen verließ der Macher bereits vier Jahre später das Abgeordnetenhaus, um wieder unmittelbarere Erfolge erzielen zu können und um seine Vorstellungen direkt in die Tat umsetzen zu können. So gründete er mehrere Industrieparks, vor allem in Galiläa und der Negevwüste.

Nach einem schweren Verkehrsunfall 1983 übertrug Wertheimer die Leitung seiner beiden Fabriken seinem Sohn Eytan. Seitdem unterstützt er in den sechs von ihm gegründeten Industrieparks junge Firmen in ihrer Aufbauphase – darunter auch jüdisch-arabische Projekte. Dabei handelte er ganz ideologiefrei; die einzige Bedingung für die Unterstützung der Projekte: Sie müssen gute Produkte vorweisen können, für die es auch Absatzmärkte gibt.

Die Geschichte von Jamila Chir

Zum Beispiel Jamila Chir, in Israel als "Oma Jamila" bekannt. Die 68-jährige Araberin stammt aus einer armen Familie. Daher hat sie zu Hause aus Olivenöl Naturseife hergestellt, um ihre Familie zu ernähren. Wertheimer fragte bei ihr nach, ob sie mehr Seife produzieren könne, wenn es zu einer erhöhten Nachfrage kommt.

"Dann haben wir sie in unserem Industriepark untergebracht und haben ihr mit dem ersten Katalog und mit Ratschlägen ein bisschen geholfen", erklärt Wertheimer.

Jamila Chir wurde erfolgreich und holte ihre im Ausland lebenden Kinder zurück. "Heute ich bin sehr stolz auf diese Frau, die ein Familienunternehmen mit 20-30 Mitarbeitern leitet", erklärt Wertheimer. "Vor fünf Jahren war sie eine Frau, allein zu Hause, die nicht wusste, wie sie ihre Seife verkaufen soll."

Nationale und internationale Anerkennung

Wertheimers Zusammenarbeit mit Jamila Chir hat dem jüdischen Industriellen und der arabischen Frau nationale und internationale Anerkennung eingebracht. Am 25. März wurde Wertheimer nun in Düsseldorf mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet, in Anerkennung seiner "Vision für den Frieden" in Nahost.

Von Deutschland erwartet der pragmatische Macher Unterstützung bei der Befriedung des Gazastreifens und des Westjordanlandes durch die Bereitstellung von technologischer Hilfe bei der Ausbildung und Industrialisierung nicht nur in Israel, sondern auch im gesamten Nahen Osten. Denn dies würde sowohl den Palästinensern als auch den Israelis eine friedlichere Zukunft garantieren.

Igal Avidan

© Qantara.de 2008



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