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Marokko und Europa
Umdenken in der Migrationspolitik



Während Marokko in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Einwanderungsland war und relativ große Migrationsströme aus einigen europäischen Ländern aufgenommen hat, ist es heute zu einem Auswanderungsland geworden. Von Mohamed Khachani

| Bild: Afrikanischer Immigrant auf Teneriffa; Foto: AP
Bild vergrössern Vor den Toren Spaniens warten Tausende Immigranten auf eine Chance, das europäische Festland zu erreichen
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Die Auswanderung aus Marokko in den europäischen Raum hat sich seit den 60er Jahren zu einem äußerst wichtigen gesellschaftlichen Phänomen entwickelt. Heutzutage ist die Migrationsfrage fast täglich vorherrschendes Thema in den Medien. Dabei werden die unterschiedlichen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Dimensionen behandelt.

Die Migrationsströme gehen auf eine stark ausgeprägte Auswanderungsbereitschaft, vor allem bei der marokkanischen Jugend, zurück. Diese Bereitschaft erklärt sich wiederum durch den kumulativen Effekt dreier Typen von Faktoren:

• Wirtschaftliche Faktoren, die sich aus Unterschieden bezüglich der Entwicklungsniveaus und der Beschäftigungssituation ergeben sowie Einkommensunterschiede und die Hoffnung, in den Zielländern schneller Geld zu verdienen.

• Psychosoziologische Anreizfaktoren, die Auswanderungsmechanismen auslösen und einen Mitreißeffekt bewirken, der zum Übergang von der latenten Phase hin zur Konkretisierung der Auswanderung führt. In diesem Zusammenhang spielt das Bild des gesellschaftlichen Erfolgs, das der Emigrant bei seiner Rückkehr in das Herkunftsland während seines Jahresurlaubs vermittelt sowie die positive Darstellung in den audiovisuellen Medien eine wichtige Rolle. Durch die von Dutzenden von Fernsehsendern übertragenen Bildern werden die benachteiligten Schichten jeden Abend in eine magische Welt befördert, die in ihnen den Wunsch nach Auswanderung heranreifen lässt.

Von der "rechtlichen Unsicherheit" profitieren

Aber auch Faktoren, die von den Aufnahmeländern ausgehen, können den Gedanken an Auswanderung fördern. Dort herrscht eine Nachfrage nach einer spezifischen Art von Arbeit, die aus Kosten- und Flexibilitätsgründen auf die Bedürfnisse eines sekundären Marktes eingeht, der durch unsichere und/oder gesellschaftlich nicht angesehene Arbeitsplätze charakterisiert ist.

Diese Nachfrage besteht hauptsächlich in der Schattenwirtschaft, die in den Ländern der Europäischen Union, vor allem in denen des Arco Latino (Romanischer Bogen), sehr stark ausgeprägt ist. Hier beschäftigen Arbeitgeber vermehrt illegale Migranten und profitieren dabei von deren "rechtlicher Unsicherheit".

All diese Faktoren haben zur Förderung einer intensiven Auswanderungsbereitschaft und sogar zum Entstehen einer Auswanderungskultur beigetragen.

Netzwerk aus Wirtschaftsverbindungen

Die marokkanische Emigrantengemeinschaft unterhält ein äußerst stabiles Netzwerk wirtschaftlicher Beziehungen mit Marokko. Die Auswirkungen machen sich auf zwei Ebenen bemerkbar: dem Transfer von Einkünften einerseits und deren Verwendung andererseits.

Die Geldtransfers, die sowohl in mikroökonomischer, als auch in makroökonomischer Hinsicht im Mittelpunkt der Migrationsproblematik stehen, stellen eine beachtliche Devisenquelle für das marokkanische Finanzwesen dar.

| Bild: Afrikanische Immigranten in einer Station des Roten Kreuzes auf Teneriffa; Foto: AP
Bild vergrössern Jedes Jahr sterben unzählige Menschen bei dem Versuch, über das Meer nach Europa überzusetzen
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Diese Transfers nehmen unterschiedliche Formen an: Es gibt "sichtbare" Kreisläufe sowie "unsichtbare" oder "verborgene", die nicht über die offiziellen Wege laufen. Die offiziellen Transfers beliefen sich 2006 auf über 3,8 Milliarden Euro (fast 9 Prozent des BIP) und stellen die wichtigsten Deviseneinkünfte für die Staatsfinanzen dar.

Aufgrund ihres Ausmaßes haben sie entscheidende Auswirkungen auf die Finanzierung des Wachstums und auf das finanzielle Gleichgewicht der nationalen Wirtschaft.

Der vorherrschende Investitionssektor der Migranten ist nach wie vor das Immobiliengeschäft. Es lässt sich jedoch verstärkt eine Ausweitung des von den Migranten besetzten Wirtschaftsfeldes beobachten: Kauf und Nutzung landwirtschaftlicher Flächen, Gründung moderner Zuchtbetriebe, Investitionen in den Tourismussektor, vor allem in das Hotel- und Gaststättengewerbe, Einkaufsgalerien, kleine und mittlere Industrieunternehmen, insbesondere in der Bekleidungs- und Nahrungsmittelindustrie sowie in der Baustoffbranche etc.

Neuorientierung in der Migrationspolitik

Diese Entwicklung ist jedoch angesichts der Möglichkeiten der marokkanischen Wirtschaft noch nicht voll zur Entfaltung gekommen. Das Problem besteht letztlich darin, dass die Potenziale im Hinblick auf Finanzen und Know-how effizienter in die Herkunftsländer geleitet werden müssen.

| Bild: Foto: Migrationinformation.org
Mohamed Khachani
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Dies sollte ein wichtiges Ziel der marokkanischen Migrationspolitik sein. Diese Frage ist zudem umso wichtiger, als Marokko sich schwerwiegenden sozioökonomischen Zwängen gegenüber sieht und angesichts der Aussicht auf die Schaffung einer Freihandelszone mit der Europäischen Union entscheidende Fristen einzuhalten hat.

Das Projekt der Freihandelszone schließt die Freizügigkeit für Personen im Europa-Mittelmeerraum aus, auch wenn diese im Rahmen der neuen Nachbarschaftspolitik vorgesehen ist.

Die europäische Migrationspolitik bleibt in der Tat grundlegend vom Sicherheitsaspekt bestimmt und gründet die Beziehungen zwischen Europa und dem Mittelmeerraum in sehr viel umfassenderem Maße auf die "potenzielle Belästigung" durch die Nachbarn aus dem Süden als auf die zahlreichen gemeinsamen Interessen.

Auslagerung der Migrationsfrage unterbinden

Diese Politik ist an ihre Grenzen gestoßen und hat gegenläufige Effekte erzielt. Sie hat die Ströme illegaler Einwanderer nicht gestoppt und die Entwicklung mafiaähnlicher Netzwerke hervorgerufen, die ihre Dienste zu exorbitanten Preisen anbieten. Sie trägt dazu bei, dass negative Bilder sowie Klischees und Stereotype aufrechterhalten werden und die Öffentlichkeit an der Ablehnung des "Anderen" festhält.

Diese Politik wird sich tendenziell noch weiter verschärfen, da man es vorzieht, die Migrationsfrage auszulagern und auf die Herkunftsländer Druck auszuüben, damit diese Rückübernahmeabkommen unterzeichnen.

Sie muss also überdacht werden und sich in einen globalen und integrierten Ansatz eingliedern. Auf diese Weise kann dem Dialog und der Europa-Mittelmeer-Partnerschaft, deren erklärtes Ziel es ist, aus dem "Mare Nostrum" einen Raum des Friedens und des geteilten Wohlstands zu machen, eine konkretere Dimension und ein realerer Sinn gegeben werden.

Mohamed Khachani

© Goethe-Institut 2007

Mohamed Khachani leitet die "Marokkanische Gesellschaft für Studien und Forschung auf dem Gebiet der Migration" (Association Marocaine d’Etudes et de Recherches sur les Migrations) an der Universität Mohammed V Agdal in Rabat.



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