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Dokumentarfilm "Standard Operation Procedure"
Abu Ghraib als medial inszenierter Kriminalfall



Der Dokumentarfilm "Standard Operation Procedure" hat bei der diesjährigen Berlinale den Preis der Jury gewonnen. Der Film beschäftigt sich mit den Hintergründen der Folterungen in Abu Ghraib. Das Ergebnis dieser filmischen Aufarbeitung ist jedoch zwiespältig, meint Ariana Mirza.

| Bild: Filmszene aus dem Dokumentarfilm 'Standard Operation Procedure'; Foto: Berlinale
Der Folterskandal im irakischen Abu Ghraib stieß weltweit auf Empörung.
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Es gibt Fotografien, die sich ins kollektive Gedächtnis brennen. Die Bilder, die 2004 die Folterungen in Abu Ghraib öffentlich machten, gehören sicherlich dazu. Das internationale Ansehen der USA litt unter diesen "Schnappschüssen" grinsender Folterknechte wie zuvor nur unter den Schreckensbildern aus Vietnam. Für die Gräueltaten, die im größten amerikanischen Militärgefängnis im Irak stattfanden, wurden nach Abschluss der offiziellen Untersuchungen nur niedere Militärangehörige verurteilt. Dass es eine Mitwisserschaft oder gar entsprechende Dienstanweisungen leitender Stellen gegeben hätte, bestritt die US-Regierung nachdrücklich.

Da ist es nur ehrenwert, dass ein renommierter amerikanischer Dokumentarfilmer wie der Oskarpreisträger Errol Morris ergründen möchte, wie es zu diesen barbarischen Taten kam und wer tatsächlich davon wusste. Doch "Standard Operation Procedure" fördert leider keine neuen Erkenntnisse zutage. Zwar werden mehrfach Zweifel an der Unwissenheit und "Unschuld" höherer Militärs und Regierungsbeamter bekräftigt, aber Morris setzt ganz andere Schwerpunkte. Sein Hauptaugenmerk legt der Regisseur auf die Aspekte, die er spektakulär visualisieren kann.

Manirierte, aufgeputschte Realität

Da ist zum einen die Detektivarbeit der Ermittlungsbeamten, die Morris fasziniert. Anhand moderner Technik kann rekonstruiert werden, mit wessen Kamera zu welcher Uhrzeit ein Foto aufgenommen wurde. Ist das erste Foto gegen 10.00 Uhr entstanden und das letzte gegen 22.00 Uhr kann beispielsweise festgestellt werden, wie lange ein Folteropfer gequält wurde. Gut zu wissen, aber diese Information einfach nur mitzuteilen, reicht Morris nicht.

| Bild: Regisseur Errol Morris; Foto: Berlinale
Bild vergrössern Regisseur Errol Morris möchte mit seinem Film auf die Abu Ghraib-Folterungen und deren Hintergründe aufmerksam machen.
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Er bebildert den gesamten Forschungsprozess wiederholt mit aufwändigen Computergrafiken. Auf der Leinwand erscheinen quadratische Raster, die sich zu Netzen verdichten; Fotos werden verschoben, chronologisch miteinander verknüpft, und fügen sich in die Raster ein. In diesen Augenblicken erinnert "Standard Operation Orocedure" an eine Hightech-Krimiserie im Stil von CSI.

Ebenso fragwürdig wirken die eingeschobenen Clips; nachgestellte Szenen, die mithilfe von Zeitlupe, Gegenlichtsequenzen, Nahaufnahmen und einem psychedelischen Soundteppich den Horror "unter die Haut" gehen lassen sollen und doch nur manieriert wirken.

Diese ästhetischen Spielereien kommen immer dann ins Spiel, wenn Morris meint, Aussagen der Täter bebildern zu müssen. Der Regisseur scheint nicht darauf zu vertrauen, dass die in seiner Dokumentation geradezu inflationär präsentierten Fotografien allein ausreichen, um beim Zuschauer Abscheu und Entsetzen hervorzurufen.

| Bild: Der irakische Gefangene Satar Jabar im Abu Ghraib-Gefängnis; Foto: AP
Bild vergrössern Angesichts solcher Folteraufnahmen aus Abu Ghraib fällt es schwer, die Täter als "Opfer der Umstände" zu sehen.
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Doch "Standard Operation Procedure" besteht nicht nur aus effektvollen Inszenierungen und dem Einsatz neuester Filmtechnik. Schließlich ist der Wettbewerbsbeitrag als Dokumentation angetreten. Zu Wort kommen einige der Verurteilten, die damals für das Militärgefängnis zuständige Generalin, ein Verhörspezialist und ein mit dem Fall beauftragter Untersuchungsbeamter.

Die Interviewsequenzen mit Folterern wie Lynndie England sind dann auch das Erschreckendste, das die Dokumentation den Zuschauern präsentiert. Denn ein Unrechtsbewusstsein ist bei keinem der Befragten spürbar. Die Folterer empfinden sich ausschließlich als Opfer der Umstände.

Demaskierung des Verbrechens

In diesem Punkt ist "Standard Operation Procedure" ein wertvoller Film, denn er erklärt eindrucksvoll, woher dieses mangelnde Unrechtsbewusstsein der Täter rührt: Wiederum werden die furchtbaren Fotografien aus Abu Ghraib präsentiert, aber diesmal sind sie mit roten Stempeln versehen. Auf der Hälfte der Bilder steht "Criminal act", dann nämlich, wenn explizit zu sehen ist, dass die Gefangenen körperlich malträtiert oder sexuell erniedrigt wurden.

Doch genau so erschütternd ist der zweite Stapel Fotografien, auf dem die Titel gebenden legalen Verhörmethoden, der "Standard Operation Procedure" zu sehen sind. Betrachtet man diese Bilder, fällt die Unterscheidung zwischen Verbrechen und Dienstausübung schwer.

Ariana Mirza

© Qantara.de 2008



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